Andreas Kerber

Das Märchen vom Bauern 

und dem Schachspiel


Es lebte einmal ein Bauer, der war sehr arm, denn sein Land war karg und trug nur wenige Früchte. Als der Herbst nach einem sehr trockenen Sommer kam, und der Bauer keine Ernte einzufahren hatte, beschloss er in die Stadt zu ziehen um dort für Lohn zu arbeiten.

Auf dem Weg dorthin stieß er auf eine alte, modrige Kutsche, die zerbrochen am Wegesrand lag. Sie hatte wohl einmal einen Achsbruch erlitten und war von ihren Besitzern zurückgelassen worden. Er besah sich das Wrack und entdeckte unter dem Kutschbock ein Schachbrett sowie eine Schachtel mit den Figuren darin. Da niemand mehr Anspruch darauf zu erheben schien, nahm der Bauersmann beides an sich und wanderte weiter.

In der Stadt war ein großer Trubel, der Markt und die Straßen waren voller Menschen, die miteinander redeten, sich gegenseitig Dinge zuriefen oder eilig einherschritten. Der Bauer ging in die Taverne und setzte sich an einen leeren Tisch, um sich etwas auszuruhn.


Zwei edel gekleidete junge Herren betraten kurz darauf die Wirtsstube. "Wem gehört dieses Schachspiel, ich hätte Lust auf eine Partie bei einem Bier!" sagte einer von ihnen. Sie boten dem Bauern einen Groschen, wenn sie sein Brett und seine Figuren benutzen dürften. Der Bauer schlug das Angebot natürlich nicht aus, denn ein Groschen bedeutete ein Mittagessen für ihn. Doch oh weh, als sie das Spiel aufbauten stellte er mit Sorge fest, dass ein Spielstein fehlte. Es war ein weißer Bauer.

"Edle Herren, ersetzt den Stein durch diesen Korken hier!" sagte der Bauer eifrig. "Für dieses unvollständige Vergnügen willst du einen Groschen, Bauer?" entgegnete jedoch einer der beiden hochnäsig. "Ich habe eine bessere Idee. Du bist doch auch noch da, Bauer, und ich will mit einem echten Bauern spielen. Los, halte deinen Finger auf das leergebliebene Feld, und ersetze du den fehlenden Stein!" Daraufhin lachten die Herren hämisch.

Doch was sollte der Bauer tun? Er befolgte die Anweisungen der Herren und ertrug ihre herablassende Freude darüber, wie er die ganze Zeit neben ihnen sitzen, den Finger auf das Spielbrett an die Position des fehlenden Bauern halten musste, und nur gelegentlich, wenn der Bauer bewegt werden sollte, den Finger auf Kommando versetzte. Das Spiel dauerte fast eine Stunde, und am Ende war dem Bauern sein Finger bleischwer und fast völlig taub geworden. Doch unter dem Lachen der Herren vergaß er nicht, dass ihn ein Mittagessen als Lohn erwartete.

Die Herren zahlten und gingen. Sie kamen von nun an fast jeden Tag in die Kneipe um Schach zu spielen; manchmal eine, manchmal auch zwei oder drei Partien. Immer öfter kamen auch andere Bürger, die von dem sonderlichen Bauern mit dem Schachspiel gehört hatten. Die hohen Herren schienen kein schöneres Amüsement zu kennen als Schach zu spielen und den armen Bauern zu demütigen, denn jedesmal sollte er den Finger auf das Brett halten und die fehlende Figur ersetzen. Aber dem braven Bauern war es recht, es war besser als in den Sandgruben oder in der Gerberei zu arbeiten, und von seinem Lohn konnte er sich eine kleine Schlafkammer im Wirtshaus leisten.


Immer öfter stritten sich die Herren jedoch, wer den Finger des Bauern als lebendigen Spielstein beanspruchen durfte. Der Grund dafür war folgender: seltsamerweise gewann die Seite mit dem Bauern jede Partie. Anfangs schien es nur Zufall zu sein, aber es bewahrheitete sich immer wieder. Selbst schlechte Spieler gewannen gegen gute Gegner, solange nur der Bauer auf ihrer Seite war und geduldig den Finger aufs Spielbrett hielt. Jetzt kamen die Herren noch öfter zu ihm, und die stadtbekannten Adligen erschienen mit fremden Edelleuten in der Taverne, um sie auf ein Schachspiel einzuladen. Sie wetteten hohe Summen auf den Ausgang der Partie, und gewannen so viel Geld von den Fremdlingen, die den Bauern nur für eine amüsante Kuriosität hielten und nicht wussten, dass er einen Glücksfinger hatte und seinem Spieler unweigerlich zum Sieg verhalf. Der Bauer hatte nun immer genug Geld zum Leben, nur die herablassende Art, der ständige Hohn seiner Kunden machte ihn unglücklich.


Es begab sich nun, dass dem König des Landes ein hoher Besuch angekündigt wurde. Rochadow, König der Russen aus dem fernen Russland wollte zu ihm reisen, und das bedeutete gewöhnlicherweise nichts Gutes. Rochadow war ein griesgrämiger Geselle, der dem König oft Forderungen stellte oder ihn bedrohte. Und immer wieder wollte er einfach nur Gold geschenkt bekommen.

Mittlerweile hatte aber auch der König von dem Schachspiel in der Stadt und seinem wundersamen Besitzer gehört. Da kam ihm eine Idee. Die Russen waren nämlich hervorragende und stolze Schachspieler. Selbst ihr Name stammte daher, dass sie sich zu ihren Schachturnieren völlig mit Ruß einrieben, um so schwarz auszusehen wie ihre Schachfiguren. Es gab natürlich auch Russen, die die weißen Figuren verwendeten und sich mit Kreide einrieben, das waren die sogenannten Weißrussen. Und Rochadow galt als einer der besten Spieler seines Landes. Der König ließ also dem armen Bauern eine Nachricht zukommen: Er solle zu ihm aufs Schloss kommen und sein Schachbrett mitbringen.


Rochadow lachte, als er das aufgebaute Schachbrett sah. "König, ist es so weit mit dir gekommen, dass du dir kein vollständiges Schachspiel mehr leisten kannst?" Der König zeigte sich beschämt und schlug vor, der Finger des Bauern, der als sein Diener eingekleidet worden war, solle als Ersatz dienen. "Von mir aus, lass dieses Land sich selbst demütigen." dachte Rochadow bei sich und willigte ein. Der König sprach zu ihm: "Wenn du gewinnst, schenke ich dir ein Schachspiel mit Figuren aus purem Gold! Verlierst du aber, darfst du nie mehr wiederkommen und unser Land behelligen!"

Die Schachpartie wurde für Rochadow zur schlimmsten seines ganzen Lebens. Der König spielte wirklich ein erbärmlich schlechtes Schach, das konnte jeder der Anwesenden ganz offensichtlich sehen. Aber Rochadow hatte trotzdem keine Chance, denn jedesmal stand irgendeine gegnerische Figur, besonders dieser Dienerfinger, wie durch pures Glück an der falschen Stelle und vereitelte jeden Angriffsplan. Nach einigen Stunden schoss Rochadow wütend von seinem Stuhl hoch und gab auf. Der König hatte gewonnen.

Der König war sehr zufrieden mit dem Bauern. "Du sollst reichlich belohnt werden. Ich schenke dir das goldene Schachspiel, das dem Russen versprochen war, und ein großes Stück des fruchtbarsten Landes noch dazu." Mit diesem Versprechen kehrte der Bauer in die Stadt zurück. Rochadow nahm die nächste Kutsche nach Russland und kam nie wieder. Der König aber verließ das Schloss kurz nach der Abreise seiner Gäste, denn er hatte einen Plan.


Der Bauer packte in der Wirtsstube seine Habseligkeiten zusammen, denn schon am nächsten Morgen wollte er aufbrechen in den Süden des Landes, um sein neues Landgut in Augenschein zu nehmen. Doch an diesem Abend erschien plötzlich unerwarteter Besuch im Gasthaus. Der König war gekommen, und viele seiner Adelsleute hatten ihn begleitet. "Bauer, lass uns noch einmal Schach spielen, bevor du gehst!" riefen diese. Der Bauer seufzte schwer - hatte er doch geglaubt, seine Zeit als lebende Schachfigur sei endlich vorbei. Und jetzt standen da all diese Herren und auch der König, und alle verlangten, dass er sich noch ein letztes Mal für sie zum Narren machen sollte.

Als das Spiel aufgebaut war, waren eigenartigerweise alle Bauernfiguren komplett vorhanden. Es fehlte jedoch eine ganz andere Figur: die des weißen Königs. Dem Bauersmann setzte sich ein nobler Herr gegenüber und sagte: "So, Bauer, lass uns mal sehen wie du selbst spielen kannst!" Und bevor dieser irgend etwas erwidern konnte, sagte der König: "Bauer, du hast ja keinen König auf deinem Feld. Da werde ich mich wohl zur Verfügung stellen müssen." und setzte seinen königlichen Finger, begleitet vom Lachen der Zuschauer, auf das Schachbrett.

So spielten die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen die hohen Herren gegen den Bauersmann, der - obwohl er überhaupt kein Schach spielen konnte - auf wundersame Weise keine einzige Partie verlor.


Ende

 


 


Stand: November 2011                         Links  |  Impressum  / Kontakt  |  Startseite                     Andreas Kerber